FutureHotel Manifest

Was ist das, ein Hotel der Zukunft?

Ein Hotel steht immer auf zwei unverrückbaren Grundfesten: wirtschaftlicher Stabilität und dem Dienst am Gast. Unabhängig vom individuellen Geschäftsmodell bleibt wirtschaftliche Stabilität die Voraussetzung unternehmerischer Handlungsfähigkeit. Ebenso bleibt, unabhängig vom gewählten Servicemodell, der Dienst am Gast der identitätsstiftende Kern. Ein Hotel im Sinne gelebter Hospitality definiert sich durch den Wert der zwischenmenschlichen Begegnung. Technologie kann diese Begegnung unterstützen, verstärken und ermöglichen – sie ersetzt sie nicht. Vor diesem Hintergrund ist das Hotel der Zukunft weder ein festgelegtes bauliches, strukturelles, organisatorisches noch ein technologisches Zielbild, das irgendwann erreicht wird. 
 

Experimentierfreudige und anpassungsfähige Unternehmenskulturen


Vielmehr offenbart sich das Hotel der Zukunft in der Unternehmenskultur, dem System aus geteilten Werten, Normen, Überzeugungen und Verhaltensweisen innerhalb der Organisation. Nach Edgar Schein (1985) sowie Schein und Schein (2018) wird Unternehmenskultur auf drei Ebenen im Unternehmen greifbar:

  • Mindset (Einstellungen, Werte), 
  • Strukturen, Prozesse und Strategien (Regeln)
  • Artefakte (Architektur, digitale Werkzeuge, Arbeitsplatzgestaltung) 

Das Hotel der Zukunft – darin ist das Verständnis im FutureHotel Innovation Network eindeutig – ist geprägt von Offenheit, Mut und Experimentierfreude entlang von Werten. Dadurch erlaubt es einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess, der technologische, gesellschaftliche und ökologische Veränderungen aufnimmt und produktiv in das Unternehmen integriert.

Strukturen und Prozesse sind anpassungsfähig an neue Gegebenheiten und Möglichkeiten, Strategien werden regelmäßig reflektiert und geschärft, was sich in sichtbaren Artefakten widerspiegelt. 
 

Wechselwirkung von Innovation und Verantwortung


Dabei verbindet das Hotel der Zukunft Innovation mit Verantwortung gegenüber Gästen, Mitarbeitenden, Unternehmenspartnern und der Nachbarschaft und bleibt zugleich ein Ort, an dem Menschen durch Begegnungen, Erlebnisse und Wertequalität Sinn erfahren.

 

Sieben Thesen für das Hotel der Zukunft

Im Folgenden werden sieben Thesen zum Hotel der Zukunft vorgestellt, die das gemeinsame Verständnis der Projektpartnerinnen und Projektpartner des FutureHotel Innovation Networks verdichten. Sie stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern in einer dynamischen Wechselwirkung zueinander. Im Kern stehen Innovation, Verantwortung und Menschen – sie geben dem Hotel der Zukunft Richtung und Haltung. Technologie, Erlebnisorientierung und Architektur entfalten sich darauf aufbauend als konkrete Ausdrucksformen. Datenethik und Werteorientierung sichern die Grundlage dieses Systems.

Das Hotel der Zukunft lebt von der Fähigkeit, Neues zu erproben, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig die Bedeutung menschlicher Begegnungen wertzuschätzen. In dieser Offenheit und Beweglichkeit liegt seine größte Stärke – und zugleich die Einladung, Hotellerie immer wieder neu zu denken.

These 1: Das Hotel der Zukunft ist so vielfältig wie die Bedürfnisse seiner Nutzerinnen und Nutzer

These 2: Das Hotel der Zukunft ist ein neugieriger und lernender Organismus

These 3: Das Hotel der Zukunft geht verantwortungsvoll mit Ressourcen, Menschen und der Gesellschaft um

These 4: Gemeinsame Werte leiten Entscheidungen auf allen Ebenen im Hotel der Zukunft

These 5: Das Hotel der Zukunft denkt in Lebenszyklen und Communities – nicht in einzelnen Aufenthalten

These 6: Das Hotel der Zukunft nutzt Technologie als Verstärker, nicht zum Selbstzweck

These 7: Im Hotel der Zukunft entsteht Wert nicht im Zimmer, sondern im System

Zur Einordnung des FutureHotel Manifests

Das FutureHotel Innovation Network beforscht seit seiner Gründung im Jahr 2008 relevante Fragestellungen für die Zukunft der Hotellerie. In einem einzigartigen Konstrukt aus angewandter Wissenschaft und Akteuren des Hotel Ökosystems werden unter Leitung des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO verschiedenste zukunftsrelevante Themen wissenschaftlich bearbeitet.

Die Frage, was ein Zukunftshotel ist, beschäftigt das Innovationsnetzwerk seit Beginn der Forschungstätigkeiten. Über die Jahre hat sich die Welt in enormem Tempo weiterentwickelt, sowohl im technologischen Kontext als auch im Gesellschaftlichen und Wirtschaftlichen, in Bezug auf Nachhaltigkeit und (geo)politische Rahmenbedingungen – von der globalen bis hin zur lokalen Ebene. In diesem dynamischen Spannungsfeld bewegt sich die Hotellerie in ihrem Streben nach Entwicklung und Erfolg, immer im Dienst für den Menschen.

Im Kontext der Veränderung hat sich auch das Profil des Hotels verändert. Daraus resultiert die Notwendigkeit einer (Neu-)Definition des »Hotels der Zukunft«. Das FutureHotel Innovation Network hat sich 2025 dieser Aufgabe angenommen. Das Resultat ist das FutureHotel Manifest. Es beantwortet die Frage: Ein Hotel der Zukunft – was ist das?

Damit zeigt sich: Die Arbeit im FutureHotel Innovation Network für das Hotel der Zukunft ist kein Projekt mit einem Endpunkt, sondern ein dynamischer Prozess, der Iteration und Reflexion beinhaltet.

Das Hotel der Zukunft ist so vielfältig wie die Bedürfnisse seiner Nutzerinnen und Nutzer

Das eine Hotel der Zukunft gibt es nicht, denn ein Hotel ist stets ein spezifisches Produkt seiner Mitarbeitenden, Stakeholder und Partner im Hotel-Ökosystem.

Das Hotel der Zukunft vertritt eine Vielfalt an Hotelkonzepten, die parallel existieren. So sind auch Begriffe wie High-Tech Gebäude, visionäre Architektur, intelligente Hotelzimmer oder die rezeptionslose Lobby keine Elemente, die ein Hotel der Zukunft notwendigerweise kennzeichnen.

Genauso wenig wie Zirkularität, Kulturvermittlung, Urban Gardening oder Nachbarschafts-Hotspot. Auch wenn diese Elemente für mehr und mehr Hotels in der heutigen Zeit eine Rolle spielen, ist die Sinnhaftigkeit jedes einzelnen Elements kontext- und konzeptabhängig.

Dabei werden Gäste, Mitarbeitende und lokale Communitys zunehmend als Mitgestaltende verstanden. Ihr Feedback und ihre Perspektiven fließen in die Entwicklung des jeweiligen Konzepts ein. Zentral für den Erfolg eines Hotelkonzepts sind Authentizität, Stimmigkeit und Zielorientierung. Nur so werden Erlebnisse möglich, welche die Kundenerwartungen (über)treffen. 

Das Hotel der Zukunft ist ein neugieriger und lernender Organismus

Das Hotelkonzept gilt als Rahmen für das Hotel der Zukunft. Innerhalb dieses Rahmens weist das Hotel der Zukunft eine hohe Anpassungsfähigkeit auf. Es verfügt über Strukturen, die eine schnelle Umsetzung neuer Ideen ermöglichen. Die Verwaltung eines Hotels der Zukunft denkt daher nicht in Abteilungen (und Silos), sondern in Prozessen.

Das Hotel der Zukunft versteht sich außerdem als Werkstatt, in der Neues zunächst ausprobiert und dann weiterentwickelt wird. Dazu ist es unabdingbar, Trends auf unterschiedlichen Ebenen im zeitlichen und wirkungsräumlichen Kontext (z. B. Micro- bis Megatrends, gesellschaftliche, technologische oder politische Trends) zu erkennen und zu verfolgen sowie deren Auswirkungen auf das Hotel zu antizipieren.

Experimentierfreude, systematische Feedbackschleifen mit Gästen und Mitarbeitenden, Kooperationen mit Start-ups und Wissenschaft sowie die Bereitschaft, Fehler als Lernchancen zu sehen, sind zentrale Antriebskräfte. Diese ermöglichen es ihnen, Lösungen als Vorreiter nicht nur zu denken, sondern auch umzusetzen. Auf diese Weise entwickelt sich das Hotel kontinuierlich weiter, ohne von seinem Konzept abzuweichen.

Gleichzeitig zeigen Hotels der Zukunft eine Bereitschaft, ihre Erfahrungen im Umgang mit neuen Lösungen zu teilen und somit als Vorreiter und Inspirationsquelle zu dienen und die Hotelindustrie mittel- bis langfristig mitzugestalten. Reflexion, Veränderungskompetenz und die Bereitschaft zu Paradigmenwechseln prägen die Organisationskultur. 

Das Hotel der Zukunft geht verantwortungsvoll mit Ressourcen, Menschen und der Gesellschaft um

Ökonomische Tragfähigkeit, soziale Fairness und ökologische Rücksichtnahme sind nicht optional, sondern selbstverständlich für das Hotel der Zukunft.

Es weiß, wie es auf Gäste, Mitarbeitende, das lokale Umfeld, Unternehmenspartner und Zulieferbetriebe wirkt. Genauso kennt es die globalen Auswirkungen seines Handelns und schöpft das Potenzial seines Impacts auf Menschen und die Umwelt aus.

Es übernimmt Verantwortung durch faire Lieferketten, partnerschaftliche Zusammenarbeit und bewusste Ressourcennutzung. Gebäude und die Nutzung ihrer Räume werden multifunktional gedacht. Damit bleibt das Hotel als Ort wandelbar und zukunftsoffen.

Prozesse werden stetig verbessert und monotone Tätigkeiten zunehmend automatisiert, sodass Mitarbeitende zeitgemäße Arbeitsaufgaben erfüllen. Weiterbildungsangebote, die zukünftige Entwicklungen angemessen berücksichtigen, werden als verantwortungsvoll angesehen.

Dabei gilt: Auch wenn einzelne Konzepte mit wenig Personal vor Ort auskommen oder stark digitalisiert sind, bleibt der verantwortungsvolle Umgang mit Menschen, als Gäste, Mitarbeitende, Geschäftspartner und Nachbarschaft, zentraler Maßstab.

Automatisierung ersetzt nicht die Verantwortung für faire Arbeit, gelingende Beziehungen und gesellschaftlichen Mehrwert.

Gemeinsame Werte leiten Entscheidungen auf allen Ebenen im Hotel der Zukunft

Das Hotel der Zukunft basiert auf Werte-Communities. Gemeinsame Werte wie Respekt, Qualität, Verantwortungsbewusstsein und Gastorientierung leiten Entscheidungen auf allen Ebenen im Hotel der Zukunft. Auch Sicherheit im physischen, cyberphysischen und emotionalen Verständnis wird als Wert gelebt.

Diese Sinnorientierung macht die Hotellerie ebenso attraktiv für junge Menschen wie für erfahrene Hotelmitarbeitende. Die Community verleiht dem Hotel Charakter, Atmosphäre und emotionale Bindung.

Geteilte Werte bringen Wertschätzung mit sich, die sichtbar und spürbar wird in den Begegnungen und Beziehungen – im Team unter Mitarbeitenden und darüber hinaus mit Unternehmenspartnern, Hotelgästen und der Nachbarschaft. Vielfalt und Inklusion werden dabei als Stärke verstanden.

Die unterschiedlichen Hintergründe, Perspektiven und Bedürfnisse der Mitglieder der Werte-Community bereichern das Hotelerlebnis und fließen in dessen kokreative Gestaltung ein. Technologie wirkt dabei unterstützend, nicht ersetzend.

Gemeinsame Werte sind auch elementar für das erlebnisorientierte Handeln im Hotel-Ökosystem: Storytelling, Identität und personalisierte Services schaffen unvergessliche Erinnerungen. Diese Erlebnisse entstehen durch Menschen auf Grundlage ihrer gemeinsamen Werte. 

Das Hotel der Zukunft denkt in Lebenszyklen und Communities nicht in einzelnen Aufenthalten

Das Hotel der Zukunft versteht Gäste- und Mitarbeitendenbeziehungen als kontinuierliche Journeys entlang des gesamten Lebens- und Arbeitszyklus: vor, während und nach dem Aufenthalt bzw. der Tätigkeit.

Statt transaktionaler Buchungs- und Beschäftigungslogiken entstehen langfristige Beziehungsökonomien, die auf Vertrauen, Resonanz und gemeinsamer Entwicklung basieren.

Gäste und Mitarbeitende werden als aktive Partner eines gemeinsamen Lern- und Innovationsprozesses verstanden. Ihre Erfahrungen, Erwartungen und Ideen fließen systematisch in die Weiterentwicklung von Angeboten, Services, Arbeitswelten und Geschäftsmodellen ein. Feedback-Formate, Community-Plattformen, Alumni-Netzwerke oder Co-Creation-Workshops schaffen Räume für Beteiligung und Dialog.

Das Hotel der Zukunft gestaltet hierfür klare Strukturen und Touchpoints entlang der gesamten Journey. Community-Building wird strategisch verankert und nicht als Marketingmaßnahme verstanden.

Digitale wie analoge Interaktionsräume ermöglichen Austausch, Zugehörigkeit und Mitgestaltung. So entsteht ein belastbares Ökosystem, das Loyalität, Innovationskraft und Resilienz stärkt – und das Hotel als langfristigen Beziehungsraum statt als temporären Aufenthaltsort positioniert.

Das Hotel der Zukunft nutzt Technologie als Verstärker, nicht zum Selbstzweck

Ein Hotel, das vollständig automatisiert den menschlichen Service abschafft, ist ein technologisches Produkt, das Bedürfnisse im Hotelökosystem bedient – aber kein Hotel im Sinne gelebter Hospitality.

Ein Hotel definiert sich im Servicekontext durch den Wert der zwischenmenschlichen Begegnung. Technologie kann diese Begegnung unterstützen, verstärken und ermöglichen – sie ersetzt sie nicht.

Digitale Tools, KI, Automatisierung und Roboter werden dort eingesetzt, wo sie Prozesse vereinfachen, Qualität steigern und Mitarbeitende entlasten – wo sie wirtschaftlich sinnvoll sind und Nutzen stiften. Roboter übernehmen dabei klar definierte Aufgaben, schaffen Effizienz im Back-of-House oder unterstützen im Service.

Technologie bleibt dienlich, unaufdringlich und dem Menschen zugewandt. Daten dienen dazu, Erlebnisse zu personalisieren und Prozesse zu optimieren. Vertrauen ist jedoch wertvoller als Information.

Transparenz, Datenschutz und ethische Standards bilden die Grundlage jeder Datennutzung im Hotel der Zukunft. Es werden klare Leitplanken definiert, die als Rahmung und Orientierung dienen. Diese können beispielsweise in Form von Daten- und KI-Chartas oder Codes of Conduct vorliegen. In ihnen wird festgelegt, wie Daten erhoben, verarbeitet und eingesetzt werden – und welche Aufgaben bewusst beim Menschen verbleiben.

Konkrete Ausprägungen wie Online-Check-in und -Check-out, automatisierte Back-of-House-Prozesse, Service- oder Lieferroboter oder neue Empfangsformate folgen dieser Logik. Sie werden so gestaltet, dass Nähe, Vertrauen und Servicequalität gestärkt werden, statt Menschen zu ersetzen, zu überfordern oder abzuschrecken. 

Im Hotel der Zukunft entsteht Wert nicht im Zimmer, sondern im System

Das Hotel der Zukunft ist kein reiner geographischer Ort mehr. Beherbergung verschiebt sich von einer immobilienzentrierten Leistung zu einer daten- und partnerbasierten Wertschöpfungsarchitektur.

Digitale Schnittstellen orchestrieren interne Prozesse und externe Services zu skalierbaren Plattformstrukturen. Dadurch entstehen vernetzte Ökosysteme mit kooperativen Geschäfts- sowie neuen Erlösmodellen. Die Rolle der Immobilie verschiebt sich damit fundamental vom »Cashflow-Container« (Wert = Zimmer × Rate × Auslastung) hin zur physischen Infrastruktur eines Service-Systems.

Klassische Steuerungsgrößen wie RevPAR (Revenue per Available Room) greifen dabei zu kurz. Wenn Wertschöpfung nicht mehr primär im Zimmer, sondern im System entsteht, braucht es eine Neuorientierung der KPI-Logik der Branche.

Kennzahlen wie Revenue per square meter, systemische Flächenproduktivität oder Lifecycle-basierte Erlösbetrachtungen gewinnen an Bedeutung.

Für Investoren heißt das: Nutzungsvielfalt und Adaptionsfähigkeit sowie Anbindungsfähigkeit an Netzwerke werden relevant für den Gebäudewert. Flexible Grundrisse, technische Nachrüstbarkeit, Mischnutzungsfähigkeit, öffentliche Zugänglichkeit fließen in die Bewertungslogiken ein. Dadurch werden Hotels als Knotenpunkte in der Stadt- und Regionalentwicklung verstanden.

Stabilität kommt nicht allein aus langjährigen Miet- und Pachtverträgen, sondern aus der Einbettung in ein starkes Betreiber- und Partnerökosystem z. B. mit vielfältigen Erlösquellen wie Stay, Work, Food, Events, Memberships und Services.

Im Hotel der Zukunft wirkt die Formel: Wert = Immobilie x Betreiberkompetenz x Ökosystem x Daten x Nutzungsmix.

Literaturverzeichnis

Schein, E. H. (1985). Organizational Culture and Leadership. A Dynamic View. San Francisco: Jossey-Bass.

Schein, E. H. & Schein, P. (2018). Organisationskultur und Leadership. München: Vahlen Verlag.